Obwohl im Web 2.0 mehrheitlich positiv über Online-Liebesgeschichten berichtet wird, werden auch einige Fälle veröffentlicht, die sich zu Tragödien entwickelt haben. Gerade kürzlich in den Medien aktuell war der Fall von Megan Meier, eines amerikanischen Teenagermädchens, das durch eine vermeintliche Online-Liebe Opfer einer perfiden Intrige wurde.
Ein Artikel dazu befindet sich unter anderem auf Spiegel.de.
Die Mutter einer ehemaligen Freundin gab sich als ‘Josh’ aus, in den Megan sich durch regelmässige Online-Kontakte verliebte. Als die vermeintliche Online-Liebe sie plötzlich zurückstiess und beschimpfte, erhängte sich Megan – im Alter von 13 Jahren.
Die Tatsache, dass ein Flirt auf einer sozialen Netzwerk-Seite eine solche emotionale Kraft auf ein junges Mädchen ausüben kann, ist erstaunlich, eigentlich schon erschreckend. Es wurde in der Medien-Berichterstattung darauf hingewiesen, dass Megan depressiv, eher schüchtern und mit ihrem Aussehen unzufrieden war. Es ist gut vorstellbar, dass diese Faktoren eine Rolle im unglücklichen Verlauf von Megans Geschichte spielten.
Die Involvierung einer erwachsenen Person (der Mutter der ehemaligen Freundin) in die gezielte Täuschung und Demütigung des Mädchens wirft rechtliche Fragen auf. Laut Nutzungsbedingungen von Myspace ist es nicht gestattet, falsche Angaben in den eigenen Profilinformationen zu machen und sich als eine andere Person auszugeben. Wegen dem Übermass an Informationen (Millionen kostenloser accounts) werden diese Angaben aber generell nicht überprüft, können auch kaum überprüft werden – es sei denn, es liegt eine konkrete Anzeige vor. Diese wird wohl im Fall Megan Meier gegeben sein.
Obwohl nicht alles publik wird, wird es wohl noch andere, ähnliche Geschichten geben – hoffentlich mit weniger dramatischem Ausgang. Das Internet ist nun einmal kaum kontrollierbar, trotzdem ist es zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Informationsgesellschaft geworden, gerade in seiner jetzigen offenen Form. Ohne diese Benutzerfreiheit könnten wir nicht mehr von einem Web 2.0 sprechen. Wichtig ist, dass Kinder so bald wie möglich über die Chancen und Gefahren des Internets aufgeklärt werden und Eltern unterstützend zur Seite stehen, wenn das Kind das Web 2.0 erforscht.
Juni 28, 2008 um 11:26
Eine wahrlich tragische Geschichte!
Du schreibst: „Die Tatsache, dass ein Flirt auf einer sozialen Netzwerk-Seite eine solche emotionale Kraft auf ein junges Mädchen ausüben kann, ist erstaunlich, eigentlich schon erschreckend.“ Dass es diese Ausmasse annehmen kann, ist sicherlich erschreckend, aber leider nicht aussergewöhnlich. Fakt ist, dass die Zeit des Erwachsen-Werdens, also das Teenager-Alter, für einen Jugendlichen eine wirklich schwierige Zeit ist.
Neben hormonellen und körperlichen Veränderungen und der damit verbundenen Selbstfindung und Akzeptanz, durch die eine grosse Unsicherheit entsteht, kommt ein grosser Druck des Akzeptiert-Werdens von Gleichaltrigen dazu. Man möchte „dazu“ gehören. Bei Mädchen kommen Hingabetendenzen und Zärtlichkeitsbedürfnis dazu (vgl. Schenk-Danzinger, Lotte, S.268 ff). Gerade diese Aspekte dürften in dieser Geschichte eine grosse Rolle gespielt haben. Depressionen, Schüchternheit und Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen, wie im Text beschrieben, sind in der Pubertät nichts Aussergewöhnliches.
Der Ausgang dieser Geschichte ist sicher höchst tragisch, ist aber in der einen oder anderen Form in der Pubertät leider kein Einzelfall – in Anbetracht der oben genannten Aspekte – und für jede einzelne betroffene Familie eine Tragödie! Was mich aber wirklich zutiefst schockiert ist, dass sich eine Mutter, eine erwachsene Person, die ja gerade wegen der eigenen Tochter um die Gefühle Jugendlicher weiss (oder wissen sollte), zu solch einem skrupellosen Handeln ohne jeglichem Verantwortungsgefühl gegenüber Schutzbefohlenen hinreissen lässt. Ob und wie sie wohl mit den Folgen ihrer Tat umgehen kann?
Dass die tragischen Folgen aus einem Online-Kontakt resultieren ist nebensächlich. Der Ausgang dieser tragischen Geschichte hätte bei jeder Form eines Kontaktes, verbunden mit einer so schändlichen und demütigenden Zurückweisung, so geschehen können. Einzig die Rolle der Mutter bringt in diesem Fall eine neue, wirklich verurteilenswerte Komponente hinein.
Schenk-Danzinger, Lotte (1987): Entwicklungspsychologie, 19. Auflage, Wien.