Vernunftbeziehungen dank Internet?

By obre

Am 5. 3. 2006 veröffentlichte der deutsche Tagesspiegel einen Artikel mit dem Titel „Nicht die Liebe zählt“. Darin wurde vor dem Hintergrund von Online-Partnersuche ein Comeback der Vernunftehe angekündigt. Nicole Schiller, Single-Coach bei Parship, wird wie folgt zitiert:

„Beim spontanen Kennenlernen verliebt man sich, ist fasziniert voneinander. Dann kommt die Phase der Desillusionierung, in der man beginnt, den Partner so zu sehen, wie er ist, auch mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten.“ Das Trennungsrisiko wächst. Bei eher rational gesteuerten Beziehungsentscheidungen läuft es umgekehrt: Man stellt fest, dass man zueinander passt, dass man dieselben Erwartungen hat, dass man sich miteinander wohlfühlt – „und dann guckt man, ob der Funke überspringt, ob man sich verliebt“.

 Im Artikel wird argumentiert, dass Menschen, die sich online kennenlernen, erst einmal auf Faktoren achten, die eine spätere Stabilität der Beziehung erhöhen – wie zum Beispiel Erwartungen an eine Partnerschaft, Kinderwunsch und gemeinsame Interessen. Äusserlichkeiten, die bei einem realen Kennenlernen zu einer raschen Verliebtheit verführen können, fallen weg. Der Kölner Soziologe Michael Wagner glaubt, dass Beziehungen, die über das Internet oder sehr offen rational entstehen, effizienter verlaufen. Menschen treten gezielt mit anderen in Kontakt, die einen Partner suchen, und die Standardisierung und Beschleunigung des Vorgangs kann ein Vorteil sein. Das Enttäuschungsrisiko ist geringer, wenn Erwartungen sofort klar sind.

Die Argumente erscheinen plausibel. Es scheint naheliegend, dass Beziehungen, bei denen sofort wesentliche Faktoren ‘kaltherzig’ abgecheckt werden, auf Dauer durchaus stabiler sind. Aber sind sie auch glücklicher? Sind nicht vielleicht doch kürzere, ‘unvernünftige’ Phasen des Verliebtseins einer langjärhigen, jedoch immer mehr abkühlenden Beziehung vorzuziehen? Über die Behauptung des im Artikel erwähnten amerikanischen Psychologen Robert Epstein liesse sich streiten: „Aber diese Liebe, so argumentiert der amerikanische Psychologe Robert Epstein, steuert man selbst: Wer sich verlieben will, verliebt sich auch.“

Es ist fraglich, ob alle Menschen über einen solchen ‘Liebesknopf’ verfügen und ob die Gefühle sich dem Vernunftentscheid anpassen, wenn der Mensch es so möchte. Denn die Liebe selbst ist an sich kaum rational zu betrachten und verhält sich auch nicht so, daran werden auch wohl kalkulierte Matching-Punkte in Internet-Profilen schwerlich etwas ändern.

Zudem können wir beobachten, dass mit der zunehmenden Nutzung von Multimedia-Inhalten, die von jedermann selbst erstellt und verfügbar gemacht werden können, auch das Internet zunehmend entrationalisiert wird: Teenager-Mädchen singen auf Youtube, und Myspace-Nutzer buhlen um die umfangreichsten Freundeslisten. Falls die Grenzen noch mehr verwischen, könnte sich in einem Jahrzehnt die Partnersuche im Internet kaum noch von einem Gang in den Singleclub um die Ecke unterscheiden.

Eine Antwort zu „Vernunftbeziehungen dank Internet?“

  1. Caroline sagt:

    Interessante Aspekte, die da aufgezeigt werden. Dennoch bin ich nicht ganz damit einverstanden. Nicole Schiller schreibt von einer Desillusionierung nach der anfänglichen Kennenlernphase, dass man danach die Schwächen und Unzulänglichkeiten des anderen sieht. Doch ist es nicht normal, dass man nach einer gewissen Zeit des Kennenlernens die Geigen nicht mehr so spielen hört und auf Wolke sieben schwebt wie am Anfang, egal wie man sich zu Beginn kennen gelernt hat? Ich denke, das Trennungsrisiko wächst nicht, weil man die Schwächen des anderen plötzlich sieht, sondern weil viele nicht wissen oder wahrhaben wollen, dass und wie man an einer Beziehung arbeiten muss, damit sie auch funktioniert. Vielleicht hat man heute durch all die Kinofilme und Hochglanzmagazine eine zu romantisierte und unrealistische Vorstellung von einer perfekten Beziehung. Die Realität sieht dann plötzlich anders aus.
    Erwartungen an eine Partnerschaft hat man sicher auch so, egal ob man sich online oder auf „konventionellem“ Weg kennen lernt. Mag sein, dass bei rational gefällten Beziehungsentscheidungen die Überraschungen später oder etwas abgeflachter kommen – aber sie kommen. Wie man damit umgeht und was man daraus macht, das ist der entscheidende Faktor.
    Äusserlichkeiten beim realen Kennenlernen führen zu rascher Verliebtheit? Ist das nicht ziemlich einfach und oberflächlich gesehen? Kann man sich nicht ebenso rasch anhand anderer „Qualitäten“ des Partners verlieben?
    Der amerikanische Psychologe Robert Epstein behauptet, „wer sich verlieben will, verliebt sich auch.” Also müsste man sich logischerweise analog dazu auch „entlieben“ können, also alles rationale Entscheidungen. In meinen Augen eine absolut absurde Idee.
    Ob sich die Partnersuche im Internet in einem Jahrzehnt kaum noch von einem Gang in den Singleclub um die Ecke unterscheiden wird, bleibt abzuwarten.

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