Archiv für Mai 2008

Indien: Boom in der Online-Ehevermittlung

Mai 11, 2008

Laut der deutschen Wikipedia ist Indien eines der Länder, die in den letzten Jahren einen grossen IT- und Internet-Boom erlebten, der sich weiter fortsetzt. Es ist auch eines der Länder, in dem arrangierte Ehen nach wie vor Teil des gesellschaftlichen Lebens sind. Es verwundert also nicht, dass kein anderes Land über so viele Internetseiten zum Zweck der Partnervermittlung verfügt. Auch die grösste Heiratsbörse der Welt ist eine indische Webseite: Shaadi. (Quelle: Wikipedia)

Bei der Betrachtung von Shaadi im Vergleich zu westlichen Angeboten fällt auf, dass die Religionszugehörigkeit ein wichtiges Kriterium in der sofort sichtbaren Suchmaske ist. Auch wird nicht einfach neutral nach einem Mann oder einer Frau gesucht, die Suchfunktion gibt die Begriffe ‘bride’ und ‘groom’ vor. Der Schwerpunkt liegt hier also deutlich stärker bei der Eheschliessung als bei westlichen Angeboten.

Die Eheschliessung ist in Indien nach wie vor Tradition, vor allem in den ländlichen Regionen. Unverheiratete oder geschiedene Frauen leiden unter einem gesellschaftlichen Stigma. Die Bezahlung von Mitgift ist zwar mittlerweile verboten, wird aber nach wie vor praktiziert, wie der im ersten Abschnitt verlinkte Artikel der Süddeutschen Zeitung zeigt. Die traurigen Auswirkungen: verarmte tochterreiche Familien, Abtreibungen weiblicher Föten und Gewalt an Frauen.

Es bleibt zu hoffen, dass der Trend zur Online-Vermittlung vielleicht einigen indischen Frauen dabei hilft, mit mehr Selbständigkeit und eigener Entscheidungsgewalt bei ihrer Partnerwahl mitzuwirken. Das Internet kommt aber immer noch vor allem den Frauen in städtischen Gebieten zugute, auf dem Land regieren nach wie vor uralte Traditionen – und daran werden wohl auch die unzähligen Online-Vermittlungsdienste so bald nichts ändern.

 

Vernunftbeziehungen dank Internet?

Mai 3, 2008

Am 5. 3. 2006 veröffentlichte der deutsche Tagesspiegel einen Artikel mit dem Titel „Nicht die Liebe zählt“. Darin wurde vor dem Hintergrund von Online-Partnersuche ein Comeback der Vernunftehe angekündigt. Nicole Schiller, Single-Coach bei Parship, wird wie folgt zitiert:

„Beim spontanen Kennenlernen verliebt man sich, ist fasziniert voneinander. Dann kommt die Phase der Desillusionierung, in der man beginnt, den Partner so zu sehen, wie er ist, auch mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten.“ Das Trennungsrisiko wächst. Bei eher rational gesteuerten Beziehungsentscheidungen läuft es umgekehrt: Man stellt fest, dass man zueinander passt, dass man dieselben Erwartungen hat, dass man sich miteinander wohlfühlt – „und dann guckt man, ob der Funke überspringt, ob man sich verliebt“.

 Im Artikel wird argumentiert, dass Menschen, die sich online kennenlernen, erst einmal auf Faktoren achten, die eine spätere Stabilität der Beziehung erhöhen – wie zum Beispiel Erwartungen an eine Partnerschaft, Kinderwunsch und gemeinsame Interessen. Äusserlichkeiten, die bei einem realen Kennenlernen zu einer raschen Verliebtheit verführen können, fallen weg. Der Kölner Soziologe Michael Wagner glaubt, dass Beziehungen, die über das Internet oder sehr offen rational entstehen, effizienter verlaufen. Menschen treten gezielt mit anderen in Kontakt, die einen Partner suchen, und die Standardisierung und Beschleunigung des Vorgangs kann ein Vorteil sein. Das Enttäuschungsrisiko ist geringer, wenn Erwartungen sofort klar sind.

Die Argumente erscheinen plausibel. Es scheint naheliegend, dass Beziehungen, bei denen sofort wesentliche Faktoren ‘kaltherzig’ abgecheckt werden, auf Dauer durchaus stabiler sind. Aber sind sie auch glücklicher? Sind nicht vielleicht doch kürzere, ‘unvernünftige’ Phasen des Verliebtseins einer langjärhigen, jedoch immer mehr abkühlenden Beziehung vorzuziehen? Über die Behauptung des im Artikel erwähnten amerikanischen Psychologen Robert Epstein liesse sich streiten: „Aber diese Liebe, so argumentiert der amerikanische Psychologe Robert Epstein, steuert man selbst: Wer sich verlieben will, verliebt sich auch.“

Es ist fraglich, ob alle Menschen über einen solchen ‘Liebesknopf’ verfügen und ob die Gefühle sich dem Vernunftentscheid anpassen, wenn der Mensch es so möchte. Denn die Liebe selbst ist an sich kaum rational zu betrachten und verhält sich auch nicht so, daran werden auch wohl kalkulierte Matching-Punkte in Internet-Profilen schwerlich etwas ändern.

Zudem können wir beobachten, dass mit der zunehmenden Nutzung von Multimedia-Inhalten, die von jedermann selbst erstellt und verfügbar gemacht werden können, auch das Internet zunehmend entrationalisiert wird: Teenager-Mädchen singen auf Youtube, und Myspace-Nutzer buhlen um die umfangreichsten Freundeslisten. Falls die Grenzen noch mehr verwischen, könnte sich in einem Jahrzehnt die Partnersuche im Internet kaum noch von einem Gang in den Singleclub um die Ecke unterscheiden.